Seit dem Jahr 2000 bieten wir interessierten SchülerInnen der Einführungsphase eine Gedenkstättenfahrt an, in der Regel in die Gedenkstätte des ehemaligen deutschen KZs Auschwitz/Birkenau, aber auch in die Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar. Gedenkstättenfahrten sind ein wesentlicher Baustein der Erinnerungskultur, die gerade wegen der Namensgeber unserer Schule einen besonderen Stellenwert hat. Zudem verpflichtet auch die unserer Schule verliehene Auszeichnung „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.  

 

 Birkenau Ort der Vernichtung  Das Stammlager

Der Wunsch nach einer solchen Projektfahrt wurde im Jahr 1999 an uns herantragen, und zwar von SchülerInnen, die an einem damals durchgeführten Projekt mit dem Titel „Von der Steinwache Dortmund ins KZ Sachsenhausen“ teilnahmen. Diese Projekte (durchgeführt im Januar 1998 und Januar 1999) zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit waren das Ergebnis der jahrelangen schulpartnerschaftlichen Zusammenarbeit mit der Gesamtschule Brandenburg Görden. Im Rahmen dieser Projekte wurden sowohl das ehemalige Gestapo-Gefängnis in Dortmund als auch die Gedenkstätte Oranienburg-Sachsenhausen von den gemischten Schülergruppen erkundet. Wichtigster Bestandteil der Projekte war an beiden Orten das Gespräch mit Zeitzeugen, wobei in diesen nicht nur die Vergangenheit sondern auch die gegenwärtigen rechten Tendenzen und der Umgang damit thematisiert wurden. Durch Fotoausstellungen in Lünen und in Brandenburg - Görden haben wir diese Projekte dokumentiert und damit zahlreichen Interessierten zugänglich gemacht.

Anfang Dezember 1999 trafen sich dann erstmalig SchülerInnen aus Lünen und Brandenburg zur Vorbereitung der ersten Reise nach Auschwitz und Krakau, die im Januar des darauffolgenden Jahres stattfand. Natürlich sollte sich angesichts der sensiblen Thematik die Gruppe vorab kennenlernen und dabei die Möglichkeit bestehen, Erwartungen und Ängste zu formulieren. Wie wichtig diese intensive Vorbereitung war, zeigte sich dann bei den Führungen durch die Gedenkstätten Auschwitz und Birkenau sowie in den sich am Abend oft spontan ergebenden Gesprächsrunden. Neben der intensiven Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten wurden hier auch die Konsequenzen für den eigenen Umgang mit Rassismus und Gewalt diskutiert.
Ein Höhepunkt der ersten Reise war sicherlich das Zusammentreffen mit einem Überlebenden des KZs, Tadeusz Sobolewicz, dessen Motivation für die Durchführung solcher Gespräche nach eigenen Angaben darin lag, die Jugendlichen für das Zusammenleben der Menschen in vereinten Europas trotz aller bestehenden Unterschiede und Gegensätze zu begeistern. Denn neben seinen Schilderungen über sein Schicksal, das ihn in sechs KZs führte, waren Fragen des Umgangs mit den „Neuen Rechten“ Gegenstand des Gesprächs.


Ähnlich wie bei den Projekten der Jahre 1998 und 1999 dokumentierten wir diese erste Fahrt nach Auschwitz in einer Fotoausstellung, die einige Zeit in der GSG aufgebaut war. TeilnehmerInnen boten an, jüngere SchülerInnen durch diese Ausstellung zu führen, wovon reger Gebrauch gemacht wurde.
Neben Tadeusz Sobolowicz trafen wir im Verlauf der weiteren Fahrten mit weiteren Überlebenden der KZs Auschwitz und Birkenau zusammen, die aber leider alle inzwischen verstorben sind. Zum einen ist da Kasimierz Smolen zu nennen, der als junger Mann von den Nazis nach Auschwitz gebracht wurde und bis zum Kriegsende nicht mehr frei kam. Erst danach konnte er sein Abitur machen, studieren und nach Auschwitz zurückkehren, um fortan als Leiter der neu errichteten Gedenkstätte zu arbeiten. Auch nach seiner Pensionierung hat er diesen Ort nicht verlassen und wohnte noch lange Jahre in einer Dienstwohnung auf dem Lagergelände. Nach seiner Pensionierung war er eigentlich Dauergast auf dem Gelände, wo er rauchenderweise in der Cafeteria saß und für uns immer ansprechbar war. In den Gesprächen mit Kasimierz Smolen waren die SchülerInnen immer wieder erstaunt, wie vital, optimistisch und offen gegenüber Deutschen dieser Mann trotz seines Schicksals war.


Zum anderen trafen wir insgesamt dreimal auf Jurek Bielecki. Auch er wurde wie Tadeusz Sobolewicz und Kasimierz Smolen gleich 1940 in ganz jungen Jahren nach Auschwitz gebracht. Und ihm gelang etwas, was die Zuhörer zunächst in absolutes Erstaunen versetzt: Er flüchtete zusammen mit seiner jüdischen Freundin Cyla, indem er, verkleidet als SS-Mann, sie zum Verhör aus dem Lager führte. Zusammen gelang ihnen die Flucht in die Berge, wo sie sich aber bald aus den Augen verloren. Beide gingen jahrelang davon aus, dass der jeweils andere tot sei, und gründeten eigene Familien. Erst 40 Jahre nach der geglückten Flucht konnten sie sich auf Grund eines großen Zufalls in New York, wo Cyla inzwischen lebte, wiedersehen. Anfang 2006 starb Cyla und in den auch danach geführten Gesprächen mit uns traten Jurek nicht selten Tränen in die Augen, wenn er von seiner großen Liebe erzählte. Aber trotzdem war auch Jurek Bielecki ein optimistischer, keineswegs verbitterter Mann. Er wollte Schülerinnen von heute zeigen, dass alles möglich ist, wenn man Mut hat und verliebt ist.

Zusammentreffen mit Jurek Bielecki


Gerade die Gespräche mit den Überlebenden des KZs Auschwitz werden unseren SchülerInnen immer in Erinnerung bleiben. Vor allem muss man dies auch auf dem Hintergrund sehen, dass solche Gespräche nicht mehr sehr lange möglich sein werden, denn, wie schon oben erwähnt, gibt es kaum noch Menschen, die uns direkt von den Geschehnissen erzählen können. Insofern muss es uns ein Anliegen sein, auch in den nächsten Jahren diese Fahrten durchführen zu können. Leider sind die finanziellen Mittel dafür in den letzten Jahren aber immer weiter gekürzt worden.


Präsentiert haben wir die Erfahrungen unserer Besuche bisher in sehr vielfältigen Formen. Über die Fahrt des Jahres 2012 gibt es einen Blog, (https://auschwitzmiteigenenaugen2012.wordpress.com/). 2007 wurde ein Fototagebuch erstellt, in dem die SchülerInnen zu einzelnen Schwerpunkten des Programms Texte verfasst und durch Fotos veranschaulicht haben, und 2006 gab es einen Präsentationsabend im Saal der Gemeinde St. Georg mit Fotos, Textlesungen und Musik, zu dem wir auch interessierte Lüner Bürger eingeladen hatten. Im Jahr 2005 erstellten wir eine DVD zur Geschichte von Jurek und Cyla, mit der wir uns am Geschichtswettbewerb des Cornelsen-Verlags beteiligten (aber leider nicht gewannen).


Dafür war eine Teilnahme an einem anderen Wettbewerb für unsere SchülerInnnen erfolgreich. Dieser Wettbewerb mit dem Thema „Fit für soziales und demokratisches Engagement 2014“ wurde von der Bürgerstiftung EmscherLippe-Land veranstaltet. Die eingereichte Arbeit gewann den dritten Platz (http://www.buergerstiftung-emscherlippe-land.de/tl_files/buergerstiftung/schulwettbewerb_2014/2014-Laudatio-Platz-3.pdf). Sie war zu Beginn des Jahres entstanden. In diesem Jahr fuhr die Gruppe in der Begleitung eines Schriftstellers nach Polen. Herr Michael Helm arbeitete intensiv mit den SchülerInnen daran, den Erlebnissen der Fahrt Ausdruck zu verleihen, Worte zu finden, die das Unfassbare verdeutlichen sollten. Diese von den SchülerInnen verfassten Texte wurden sowohl in einem Fotobuch abgedruckt als auch in der großen Präsentation, die beim Wettbewerb eingereicht worden war, von den SchülerInnen selbst eingelesen. Für diese Präsentation wurde von den SchülerInnen Musik komponiert und eingespielt.


Es war ihnen ein Bedürfnis ihre Arbeit Paula Weiss zu widmen, einem Mädchen aus Lünen, das in Auschwitz ermordet worden ist. Sie ist nur neun Jahre alt geworden.


Neben der Fahrt nach Polen wird auch die Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar besucht. Das Besondere an dieser Fahrt ist, dass sie von einem Mann begleitet wird, der es sich zur Aufgabe gemacht hat als Zweitzeuge an die Geschehnisse in Buchenwald zu erinnern und davon zu berichten. Die Rede ist von Wolf Stötzel, dessen Vater der führende Kommunist des Ruhrgebietsteil war, zu dem auch Lünen gehörte. Glücklicherweise hat August Stötzel das KZ überlebt und mit seiner Familie bis zu seinem Tode in der DDR gelebt. Wolf Stötzel ist Mitglied der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e.V., deren Anliegen es ist, das Gedenken an diese beiden Gedenkstätten lebendig zu halten.


Für die SchülerInnen ist es ein besonderes Erlebnis mit jemandem zu sprechen, der so unmittelbar über die Erlebnisse im Lager berichten kann, der als Kind mit seinem Vater durch das ehemalige Lager gelaufen ist und viele Informationen über das Lagerleben durch seinen Vater bekommen hat. Diese Begegnungen stellen für die Schüler/innen einen Höhepunkt der Fahrt dar.


Auch der Kontrast zwischen dem Ettersberg und dem Weimar Goethes und Schillers und dem Umgang der Stadt mit ihrer Geschichte regt die SchülerInnen zum Nachdenken über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft an.


Trotz aller finanziellen Schwierigkeiten sollen SchülerInnen der 11. Klasse (EF) auch zukünftig die Gelegenheit erhalten, an einer Gedenkstättenfahrt teilzunehmen.

 

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